Hallo Ihr Lieben,
ich habe ja vor kurzem geschrieben, daß ich mittlerweile 2 Teilzeitjobs angenommen habe und die letzten Tage war ich sehr eingespannt in der Betreuung der schwer an multipler Sklerose erkrankten Frau. Eine sehr schwierige Aufgabe, denn die Frau ist quasi schon komplett gelähmt und sehr schwach. Für beide Teile eine Situation, die sehr viel abverlangt. Ich bringe einiges an Erfahrung aus meiner jahrelangen Nebentätigkeit in einem Krankenhaus mit und habe auch schon eine einzelne Person länger gepflegt. Doch diese Aufgabe hier war sehr speziell. Wenn jemand, der noch dazu jung ist, bei vollem Verstand mit erleben muß wie es ständig mit ihm bergab geht, er immer schwächer wird und immer weniger selbst machen kann - bei allem Einfühlungsvermögen kann eine gesunde Person sich das nicht wirklich vorstellen. Jemand der tagein, tagaus ans Haus gefesselt ist, bei der Pflege unglaublich viel Nähe zulassen muß und keinerlei Privatsphäre mehr hat, fixiert sich sehr auf sich selbst und entwickelt mit der Zeit 1000 verschiedene sinnvolle und auch weniger sinnvolle Rituale an die er sich klammert. Diese Rituale sind für Außenstehende nicht immer ganz nachvollziehbar.
Und dann komme ich, zwar mit Erfahrung und Einfühlungsvermögen aber wohl auch zu großer Zurückhaltung. Und es wurde immer deutlicher, daß es nicht funktioniert. Die zu pflegende Person wurde zusehends aggressiver und ich habe mir den Kopf zerbrochen wie ich alles perfekt machen kann und perfekt war nicht gut genug.
Zusammen mit mir hat noch jemand dort angefangen und bereits nach 2 Tagen das Handtuch geworfen. Ich sagte mir, ich halte das durch und es kann nur besser werden. Doch wer kann schon nachempfinden, wie es in einer jungen Frau aussieht, die keinen Handgriff mehr alleine machen kann und die sehr bewußt erlebt, wie ihre Kräfte immer mehr nachlassen.
Ich bin die letzten Tage sehr traurig und still nach Hause gekommen, war todmüde und konnte aber kaum schlafen. Da habe ich eingesehen, daß das für beide Seiten nicht gut ist und gestern nach der Arbeit gekündigt. Es tut mir sehr leid denn ich war hochmotiviert und der Job ließ sich zeitlich prima mit meinem anderen Job vereinen. Auch die anderen Pflegerinnen sind in der gleichen Situation; für alle ist es physisch und psychisch sehr schwer und es herrscht eine hohe Fluktuation; momentan haben 3 gekündigt und ich wäre Ersatz gewesen.
Ich kann mich nicht souverän über Aggressionen und Ablehnung hinwegsetzen und wurde dadurch immer unsicherer, was natürlich nicht unbemerkt blieb. Nicht gut, denn es ließ sich kein Vertrauen aufbauen, was in einer solch engen Beziehung zwischen Pfleger und Pflegeperson unabdingbar ist.
Ich wünsche der jungen Frau von Herzen viel innere Kraft und Mut und Zuversicht für ihr weiteres Leben.
Um mich abzulenken hat mein lieber Mann mich gestern nachmittag auf einen schönen großen Trödelmarkt entführt; kaum hatten wir die ersten Stände gesehen, kam ein dringender Anruf und wir mußten mal wieder weg. Auf dem Rückweg kamen wir nochmal an dem Markt vorbei und es wurde bereits abgebaut. Gleich am zweiten Stand hatte ich zu Anfang mit der oben zu sehenden schönen alten Hakenleiste geliebäugelt und als wir das 2. Mal dort auftauchten, hatten die Verkäufer aber schon fast alles zusammengepackt. Ich schlenderte weiter zu einem anderen Stand, der noch vollständig aufgebaut war um mich dort umzusehen, mein Mann war wie immer irgendwo. Schließlich gingen wir zurück zum Auto und mein Herzblatt hatte auf einmal eine Tüte in der Hand. Und daraus zauberte er mit einem lieben Lächeln die begehrte Hakenleiste. Ist das nicht lieb? So wie ich ihn kenne kann er nicht verstehen was mir an diesem Teil gefallen hat, doch wollte er mich etwas trösten und hat es mir geschenkt. Das sind die Momente in denen ich ganz genau weiß warum ich ihn geheiratet habe.
Die Leiste werde ich weiß anpinseln und dann etwas Wischtechnik ausprobieren und die fehlenden Haken werde ich ersetzen und ich weiß auch schon, was ich daran aufhängen werde. Wenn die Leiste fertig ist, werde ich sie nochmal zeigen. Die beiden kleinen Porzellanschildchen (Jugendstil), die über der Leiste zu sehen sind, habe ich vor vielen Jahren mal auf einem fränkischen Antikmarkt erworben.
Liebe Grüße,
Tanja

